Ao. Univ.-Prof. Dr. Helmuth Vetter: 180 170 VO Geschichte der Philosophie I (Antike) – WS 2007/08

 

(Übersetzungen, wenn nichts anderes angegeben ist, von mir; als Interpretationsgrundlagen für die Vorlesung gedacht.)

 

ANAXIMANDER VON MILET (Diels-Kranz Nr.12)

 

tò ápeiron = das Grenzenlose, tà ónta = das Seiende, génesis = Werden, phthorá = Vergehen, tò chreón = die Notwendigkeit, díke = Recht, tísis = Buße

 

Übersetzungen von Fragment 1

 

Nietzsche, Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen = KSA 1, 818

Diels-Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker 12 B 1

W. Schadewaldt, Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen. Frankfurt a. M. 1978, S. 240

H. V. (soweit möglich, wörtliche Wiedergabe)

„Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dorthin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Nothwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit.“

„Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.“

„Aus welchen Dingen aber die Genesis ist für die seienden Dinge, in diese hinein geschieht auch das Vergehen nach der Schuldigkeit. Denn es geben die Dinge einander Strafe und Buße (díkēn kai tísin) für ihre Ungerechtigkeit nach der Anordnung der Zeit (chrónou taxin).“

„Woher die Entstehung ist für die Seienden, auch das Vergehen ins Selbe gelangt zufolge der Notwendigkeit; es geben nämlich diese Recht und Genugtuung einander des Unrechtes wegen [gemäß der Ordnung der Zeit].“

 

 

PARMENIDES VON ELEA (Diels-Kranz Nr. 28)

 

Übersicht: Proömium = B 1, 1-21; Übergang zu Teil I = B 1, 22-32; Teil I (Aletheia) = B 2 bis B 8, 49; Übergang zu Teil II = B 8, 50-52; Teil II (Doxa) = B 8, 53 bis B 19.

 

B 1:

 

Übersetzung Diels-Kranz

Übersetzung H. V.

28

[…] Nun sollst du alles erfahren [chreò dè se pánta pythésthai],

[…] Not aber ist, dass du alles erfährst,

29

sowohl der wohlgerundeten Wahrheit unerschütterlich Herz (Aletheíes eukykléos átremes êtor)

sowohl der Unverborgenheit wohl gerundetes, nicht erzitterndes Herz

30

wie auch der Sterblichen Schein-Meinungen [dóxai], denen nicht innewohnt wahre Gewissheit [pístis alethés].

als auch der Sterblichen Meinungen, denen unverborgene Treue nicht innewohnt.

31

Doch wirst du trotzdem auch dieses kennen lernen und zwar so, wie das ihnen Scheinende

Doch auch dies wirst durchaus du lernen, dass das Scheinhafte

32

auf eine probehafte, wahrscheinliche Weise sein müßte, indem es alles ganz und gar durchdringt [chrên dokímos eînai dià pántos pánta perónta].

notwendig scheinhaft ist, indem es auf alle Weise alles durchdringt.

 

B 3: „Das Selbe nämlich ist Denken und Sein.“ tò gàr autó estin noeîn te kaì eînai.

B 4: „Schau aber zugleich Abwesendes mit dem Geist als anwesend auf zuverlässige Weise, / denn nicht wird er trennen das Seiende vom Zusammenhang mit dem Seienden, / weder zerstreut es sich überall gänzlich hin durch die Welt / noch verdichtet es sich.“

B 6: „Not ist zu sagen (légein) wie auch zu denken (noeîn), dass Seiendes ist (eòn émmenai); es ist nämlich Sein (ésti gar eînai) / ein Nichts aber ist nicht: Dies heiße ich dich zu bedenken. / Von diesem Weg der Forschung / trenn’ ich dich nämlich als erstem, / alsdann aber von diesem, den die Sterblichen (brotoí), welche nichts wissen, / für sich ersinnen, die Doppelköpfe; Ratlosigkeit nämlich in ihrer / Brust lenkt den irrenden Geist. Sie aber werden getrieben, / Taube zugleich und Blinde, Erschreckte, unentschiedene Haufen, / denen das Sein wie das Nichtsein gilt für dasselbe / und nicht für dasselbe – von allem aber gibt’s einen ins Gegenteil gewendeten Weg (palíntropos kéleuthos).“

B 7,1-5 und B 8, 1-2: „Denn überhaupt nicht kann dieses erzwungen werden, dass Nichtseiendes sei; / sondern dränge du weg von diesem Wege der Forschung den Gedanken (nóema) / und es soll dich nicht vielerfahr’ne Gewohnheit gewaltsam auf diesen Weg zwingen, / zu hegen ein blickloses Aug’ und ein tosendes Hören / und die Rede („Zunge“, glôssa). Unterscheide (krînai) doch mit dem lógos den hochumkämpften Beweis (élenchos), / von mir verkündet. Sondern einzig die Kunde des Weges / bleibt: dass Es ist.“

B 8, 1-10: „Als einzige Kunde des Weges bleibt: dass es ist; auf diesem (Weg) aber sind Zeichen (sémata) / sehr viele: dass ungeworden das Seiende ist und unzerstörbar, / denn es ist einzigartig, unerschütterlich und ohne Ende; / noch war es jemals, noch wird es sein, denn jetzt ist es gleichzeitig alles, / eines und ununterbrochen; denn welche Abstammung seiner wolltest du wohl erforschen? / Auf welche Weise woher gewachsen? Nicht aus dem Nichtseienden lasse ich zu, / dass du es sagst noch denkst; nicht nämlich sagbar noch denkbar / ist, dass es nicht ist. Denn welche Not hätte es denn getrieben, / früher oder später, mit dem Anfang beim Nichts zu entstehen?“

B 8, 50-54: „Damit end’ ich für dich die zuverlässige Rede und den Gedanken / im Umkreis der Wahrheit; Meinungen aber von jetzt an sterbliche / wisse, indem du die täuschende Welt meiner Worte vernimmst. / Zwei Gestalten zu nennen setzten sie fest ihre Meinungen, / von denen nicht einmal eine nötig ist – darin sind sie irre gegangen.“

B 13, 3-6: „Inmitten von diesem: eine Göttin, die alles steuert: / In allem nämlich hassenswerte Geburt und Vermischung beginnt sie, / schickt dem Männlichen Weibliches zur Vermischung und im Gegensatz wiederum / Männliches zu dem Weiblichen.“

B 28, 34-37:

 

Diels-Kranz

Hegel

H. V.

34

„Dasselbe ist Denken und der Gedanke, daß IST ist;

„Das Denken und das, um weswillen der Gedanke ist, ist dasselbe.

„Dasselbe aber ist Denken und das, um dessentwillen ist der Gedanke,

35

denn nicht ohne das Seiende, in dem es als Ausgesprochenes ist,

Denn nicht ohne das Seiende, in welchem es sich ausspricht,

nicht nämlich ohne das Seiende, in dem es gesagt ist,

36-37

kannst du das Denken antreffen. Es ist ja nichts und wird nichts anderes sein außerhalb des Seienden […]“

wirst du das Denken finden; denn es ist nichts und wird nichts sein außer dem Seienden.“

wirst du das Denken finden; denn nichts ist oder wird sein Anderes außer dem Seienden.“

 

 

 

HERAKLIT VON EPHESOS (Diels-Kranz Nr. 22)

 

B 1: 1 Obwohl der lógos [ewig] da ist, 2 werden die Menschen [jedes Mal] einsichtslos, 3 sowohl vorher, ehe sie ihn gehört, 4 als auch nachdem sie ihn erstmals gehört haben. 5 Denn obgleich alles gemäß dem lógos geschieht, 6 gleichen sie Unerfahrenen, 7 wenn sie solche Worte wie Werke erfahren, 8 wie ich sie berichte, 9 der ich der phýsis gemäß Jegliches auseinandernehme 10 und sage, wie sich’s verhält. 11 Aber den anderen Menschen bleibt verborgen, 12 was sie als Wachende tun, 13 ganz so wie das, was als Schlafende, sie vergessen.

B 2: „Daher ist es Not, dem Gemeinsamen zu folgen. Doch obwohl der lógos gemeinsam ist, leben die Vielen, als hätten sie eine eigene Einsicht.“

B 10: „Verbindungen: Ganzes und Nicht-Ganzes, Übereinstimmendes – miteinander Entzweites, Einklang – Missklang, und aus Allem Eins und aus Einem Alles.“

B 29: „Denn eins ziehen die Besten allem anderen vor: ewigen Ruhm vor sterblichen Dingen. Die Vielen aber haben sich sattgefressen wie Vieh.“

B 32: „Eins, das einzig Weise, will nicht und will mit dem Namen des Zeus genannt werden.“

B 40: „Vielwisserei – Vernunft haben lehrt sie nicht. Den Hesiod nämlich hätte sie sonst belehrt und Pythagoras, ferner Xenophanes wie auch Hekataios.“

B 42: „Homer ist wert, aus den Wettkämpfen hinausgeworfen und mit einem Stock verprügelt zu werden, und gleicherweise auch Archilochos.“

B 44: „Nötig ist es, dass das Volk für das Gesetz kämpft wie für die Stadtmauer.“

B 48: „Der Bogen (biós) hat den Namen ‚Leben‘ (bíos), sein Werk aber [ist der] Tod.“

B 50: „Indem sie nicht auf mich, sondern auf den Logos hören, ist es weise, im Gleichklang mit dem Logos zu sagen, dass Eines Alles sei.“

B 51: „Nicht bringen sie zusammen (verstehen sie), dass das Entzweite mit sich selbst übereinstimmt: zum Gegenteil gewendete Fügung  wie die von Bogen und Leier.“

B 54: „Unsichtbare Fügung (harmoníe) mächtiger als sichtbare.“

B 57: „Lehrer aber der Meisten [ist] Hesiod. Von diesem ist man überzeugt, er wisse am meisten – ein solcher der Tag und Nacht nicht erkannte. Sie sind nämlich Eins.“

B 60: „Der Weg hinauf – hinunter: einer und derselbe.“

B 71: „Man soll auch dessen gedenken, der vergisst, wohin der Weg führt.“

B 73: „Nicht soll man wie Schlafende handeln und reden.“

B 78: „Menschliche Wesensart (êthos) hat keine Einsichten, göttliche aber hat [sie].“

B 89: „Die Wachenden haben eine und eine gemeinsame Welt.“ Plutarch setzt hinzu: „Von den Schlafenden aber wendet sich jeder in seine eigene.“

B 93: „Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nichts noch verbirgt er, sondern gibt Zeichen (óute légei oúte krýptei, allà semaínei).“

B 104 (mit einem Zitat von Bias, einem der Sieben Weisen): „Was ist denn deren Geist oder Verstand? Volkssängern glauben sie und zum Lehrer haben sie die Menschenmenge, nicht wissend, dass ‚die Vielen schlecht sind, Wenige aber gut’.“

B 114: „Die mit Einsicht reden [mit noûs], für die ist es nötig, dass sie sich für das Gemeinsame von Allem [das xynón] als stark erweisen, so wie der Staat [die pólis] durch das Gesetz [den nómos], und viel stärker noch. Es nähren sich nämlich alle menschlichen Gesetze von dem einen göttlichen; denn es hat Macht, soweit es nur immer will, und es genügt Allen und ist überlegen.“

B 116: „Die Menschen haben alle Anteil daran, sich selbst zu erkennen (gignóskein heautoús) und weise zu sein (sophroneîn).“

B 123: „Die Physis liebt es, sich zu verbergen.“ Phýsis krýptesthai phileî.

 

 

DEMOKRIT AUS ABDERA (Diels-Kranz Nr. 68)

 

B 33: „Die Natur [φυσις] und die Erziehung [παιδεια] sind benachbart. Denn die Erziehung schafft den Menschen um, indem sie ihn aber umformt, bringt sie Natur hervor.“

B 34:.Auf Demokrit geht das Wort „Mikrokosmos“ zurück; er nennt den Menschen eine „Welt im kleinen“ [μικρος κοσμος].

B 117: „In Wirklichkeit wissen wir nichts; in einem Abgrund ist nämlich die Wahrheit [en bythô gàr he alétheia].“

B 149: „Wenn du dein Inneres öffnest, wirst du eine bunte und zahlreiche Leiden enthaltende Vorrats- und Schatzkammer von Übeln finden.“

B 156: „Um nichts mehr ist das ‚Ichts‘ als das Nichts.“ [Wortspiel dén - medén] Plutarch sagt: „‚Ichts‘ aber nannte er den Körper, Nichts das Leere, sodass auch dieses eine Art von Natur [phýsis] und Substanz [hypóstasis] hat.“

B 166 [nach Sextus Empiricus]: „Demokrit sagt, gewisse Bilder [eídola: „Idole“] nahen den Menschen. Von ihnen bringen die einen Gutes, die anderen Schlechtes hervor; darum wünschte er, glückbedeutender Abbilder teilhaftig zu werden. Diese seien groß und von außerordentlicher Gestalt und kaum vergänglich, aber nicht unvergänglich; sie zeigten den Menschen künftige Gesichte im Voraus und ließen Stimmen hören. Daher nahmen die Alten, die von diesen [Bildern] eine Vorstellung hatten, an, dass es Gott gäbe, obwohl es neben diesen keinen anderen Gott von unvergänglicher Natur gibt.“

B 170: „Glück [eudaimoníe] ist der Seele [d. h. dem Menschen] eigen und Unglück.“

B 175: „Die Götter geben dem Menschen alles Gute, sowohl einst wie auch jetzt. Nur alles, was übel, schädlich und unnütz ist, das gaben die Götter weder einst noch geben sie es jetzt den Menschen, sondern diese kommen [dem Übel] selbst nahe durch Blindheit und Unwissenheit.“

B 198: „[Um wieviel weiser als der Mensch ist das Tier], das in seinem Bedürfnis weiß, was es braucht, der bedürfende Mensch es aber nicht erkennt.“

B 251: „Die Armut in einer Demokratie ist dem so genannten Glück bei den Fürsten um soviel mehr vorzuziehen wie die Freiheit der Sklaverei.“

 

 

PROTAGORAS AUS ABDERA (Diels-Kranz Nr. 80)

 

B 1 (der so genannte Homo-mensura-Satz):

Pánton chremáton métron ánthropon eînai, tôn mèn ónton hôs ésti, tôn dè mè ónton hôs ouk éstin.

„Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass [oder „wie“: hôs kann beides bedeuten] sie sind, der nicht seienden, dass [wie] sie nicht sind.“

 

B 4: „Über die Götter habe ich kein Wissen — weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch wie sie ihrem Aussehen nach sind; vieles nämlich hindert am Wissen, sowohl die Undeutlichkeit als auch die Kürze des Menschenlebens.“

 

 

GORGIAS VON LEONTINOI (Diels-Kranz Nr. 82)

 

B 3 [gegen Parmenides]: „Nichts sei, sagt er, gar nichts; wenn es aber ist, ist es unerkennbar; wenn es aber ist und auch erkennbar, dann kann es Anderen nicht klar gemacht werden.“ [Andere und vollständige Übersetzung des umfangreichen Fragments in: Gorgias von Leontinoi: Reden, Fragmente und Testimonien. Griechisch-Deutsch. Herausgegeben mit Übersetzung und Kommentar von Thomas Buchheim. Hamburg 1989 (Philosophische Bibliothek; 404).]

 

PLATON

 

Zur Kritik und Einordnung der Rhetorik im Dialog Gorgias:

 

Seele

 

 

Leib

 

 

Staatskunst

 

 

(kein Name)

 

Gesetzgebung

 

Rechtspflege

Gymnastik

 

Heilkunst

 

Schmeichelei

 

 

Schmeichelei

 

Sophistik

 

Rhetorik

Putzkunst

 

Kochkunst

 

Platon im VII. Brief über das Philosophieren: „Denn sagbar ist es keineswegs wie andere Gegenstände des Wissens (mathémata), sondern aus langer Beschäftigung, die auf die Sache selbst gerichtet ist (perì tò prâgma autó), und aus gemeinsamem Leben entsteht es plötzlich (exaíphnes) wie ein durch einen abgesprungenen Feuerfunken entzündetes Licht in der Seele, und sogleich ist es sich selbst zur Nahrung.“ (341 c 5 – d 2)

 

Skizze zum Liniengleichnis:

 

A

horatón (Sichtbares)

B

noetón (Denkbares)

A1

Abbilder der Tiere, Pflanzen, Artefakte

A2

Tiere, Pflanzen, Artefakte

B1

Zahlen, geometrische Figuren

B2

Ideen

eikasía (Vermutung)

pístis

(Meinung)

diánoia

(Verstand)

Mathematik

nóesis

(Vernunft)

Dialektik

doxa

nóesis                                   

 

Der Einzelne und der Staat (Politeia):

 

Seelenteil:

Tugend:

 

Stand:

logistikón

vernunftfähig

sophía

Weisheit

 

Philosophen

Lehrstand“

thymoeidés

mutartig

andreía

Tapferkeit

dikaiosýne

Gerechtigkeit

Wächter

„Wehrstand“

epithymetikón

begehrend

sophrosýne

Besonnenheit

 

Händler und Gewerbetreibende

„Nährstand“

 

ARISTOTELES

    

„Es gibt eine bestimmte Wissenschaft (epistéme), die das Seiende als Seiendes (tó ón hê ón) betrachtet (theoreî) und das, was diesem an ihm selbst zugrunde liegt (hypárchonta kath’ hautó).“

 

Das Seiende wird vielfältig gesagt. In V 7 stellt sich diese Vielfalt als Vierfalt dar:

„Das Seiende wird vielfältig gesagt.“ Tò ón légetai pollachôs.

1. als Akzidenz („hinzugekommen“)

ÒN KATÀ SYMBEBEKÓS

2. in den Formen der Aussage

TÀ SCHÉMATA TÊS KATEGORÍAS

3. als wahr und falsch

HOS ALETHÉS KAÌ PSEÛDOS

4. der Wirklichkeit und Möglichkeit nach

DYNÁMEI KAÌ ENERGEÍA

 

Der Unbewegte Beweger – grundlegender Text Metaphysik XII 6, 1071b3-11:  „Da es nun drei Wesenheiten (ousíai) gibt, zwei natürliche (physikaí) und eine unbewegte (akínetos), muss von dieser gesagt werden, dass sie mit Notwendigkeit eine ewige unbewegte Wesenheit ist (anánke eînai aídión tina ousían akíneton). Denn die Wesenheiten sind dem Rang nach die ersten (prôtai) des Seienden, und wenn alle vergänglich wären, wäre alles vergänglich; doch es ist unmöglich, dass Bewegung wird oder vergeht, denn sie war immer, und auch nicht die Zeit (chrónos). Nicht kann nämlich das Früher und Später sein, wenn es die Zeit nicht gibt. So ist also sowohl die Bewegung stetig wie auch die Zeit; denn sie ist entweder identisch [die Zeit mit der Bewegung] oder ein Vorgang an der Bewegung. Eine Bewegung ist aber nicht stetig, ausgenommen als die Ortsbewegung (katà tópon) und von dieser die Kreisbewegung (kýklo).“

 

Zwei grundlegende Bestimmungen des Menschen – 1. als soziales Lebewesen und 2. als Lebewesen, das die Sprache hat: „Der Mensch ist seiner Natur nach ein zôon politikón.“ (Politik I 2, 1253a2 f) „Sprache aber hat nur der Mensch unter den Lebewesen.“ (zôon lógon échon, ebd. 1253a9 f)

 

Nähere Bestimmung der Tugend: „Es ist also die Tugend (areté) eine Haltung (héxis), die zu einem Entschluss befähigt (proairetiké [proaíresis „Wahl, Vorsatz, Entschluss“); sie hat ihr Wesen in der auf uns gerichteten Mitte (mesótes pròs hemâs); diese wird durch Überlegung bestimmt (lógos) und dadurch, wie wohl der vernunftgeleitete Mensch (phrónimos) die Grenze bestimmen würde.“ (Nikomachische Ethik II 6, 1106b36-1107a2)

 

Das vollendete Glück des bíos theoretikós: „Ein solches Leben ist stärker, als es ein Mensch vermöchte. Denn nicht sofern er Mensch ist, wird er so leben, sondern insofern etwas Göttliches in ihm da ist. Sosehr sich aber dieses von einem [aus Körper und Seele] zusammengesetzten [Wesen] unterscheidet, so sehr auch die Wirklichkeit dieser [Tugend] von der übrigen Tugend. Wenn der Geist im Verhältnis zum Menschen göttlich ist, so ist auch das darauf ausgerichtete Leben im Verhältnis zum menschlichen Leben göttlich. Man soll sich nicht an die Empfehlungen halten, dass man an Menschliches denkt, weil man ein Mensch ist, und an Sterbliches, weil man sterblich ist, sondern [soll] soweit es möglich ist unsterblich sein (athanatízein [thánatos „Tod“]) und alles für das Leben im Hinblick auf das Beste von dem, was in uns ist, tun. Denn wenn es auch nur gering an äußerem Glanz ist, so ragt es doch an Kraft und Würde über alles andere bei weitem hervor.“ (Nikomachische Ethik X 7, 1177b26-1178a2)

Die so genannten skeptischen Tropen:

Aenesidem: 10 Tropen

vom Urteilenden aus: 1-4

vom Beurteilten aus: 7, 10

von beiden aus: 5, 6, 8, 9

1. Unterschied der Lebewesen

2. Verschiedenheit der Menschen

3. Beschaffenheit der Sinnesorgane

4. Umstände

5. Stellungen, Entfernungen, Orte

6. Beimischungen

7. Quantität und Zurichtung der Gegenstände

8. Relativität

9. ständiges oder seltenes Auftreten

10. Lebensformen, Sitten, Gesetze, Mythen, Dogmen